Interview BUNDzeit 04/16

„KONSERVENGLÄSER SIND HERVORRAGENDE TO-GO-BECHER“

Im Interview:
Bloggerin Maria Giesecke über papierlose Fahrscheine, Experimente
mit Seifen und die entscheidenden Fragen beim müllarmen Einkaufen


BUNDzeit: Frau Giesecke, wie kamen Sie auf
die Idee, mit Ihrer Zwillingsschwester Sophia
fünf Tage lang zu versuchen, keinen Müll zu
produzieren und darüber tagebuchartig zu
schreiben?

Maria Giesecke: Das Thema ist in den sozialen Medien
derzeit ziemlich virulent. Richtig berühmt ist inzwischen
die New Yorkerin Lauren Singer, die schon seit zwei Jahren
komplett ohne Müll lebt. Zufällig hat das Onlineportal refinery29
dann eine Serie namens „Zwei Zwillinge, ein Hype“
gestartet. Dabei geht es darum, die aktuellen Lebensoptimierungshypes,
die im Internet kursieren, nachzustellen.


BUNDzeit: Wie gut waren Sie auf das Experiment
vorbereitet?

Maria Giesecke: Na ja, man achtet auf seinen Lifestyle
und passt auf, sich nicht jeden Schrott in die Wohnung zu
holen. Aber dieses taffe Zero-waste-Ding hatte ich noch
nicht praktiziert. Deshalb bin ich gleich am ersten Tag in
ein tiefes Loch gestürzt. Tägliche Rituale fielen weg, etwa
morgens einen Kaffee für unterwegs oder einen BVGEinzelfahrschein
kaufen. Stattdessen muss man sich ein
wiederverwendbares Gefäß für den Kaffee organisieren
und eine App für papierlose Fahrscheine suchen. Auch das
Frühstück, das ich mir sonst im Bioladen mitgenommen
hatte, ging nicht mehr, weil es in Papier verpackt wird.
Mittags haben wir im Büro immer Essen beim Lieferservice
bestellt – für mich jetzt nicht mehr. Und ich wusste nicht
einmal, wie ich mir die Hände waschen sollte, schließlich
gab es im Büro nur Flüssigseife aus Plastikspendern.
Am ersten Nachmittag war ich in einem ganz normalen
Supermarkt und habe geguckt, was man ohne Verpackung
einkaufen kann: nur etwas Gemüse und Obst. Oder halt
eingelegte Sachen in Konservengläsern mit Schraubverschluss
– die zählen für mich nicht zum Müll, weil ich sie
nicht wegschmeiße, sondern wiederverwende. Fast alles,
was ich bisher benutzt hatte, hat mit Müllproduktion zu
tun. Das führte bei mir zu einem totalen Knoten im Gehirn:
Was genau bedeutet zero waste und Nachhaltigkeit? Was
ist zum Beispiel mit Papiermüll?


BUNDzeit: Was haben Sie in diesen fünf Tagen
geändert?

Maria Giesecke: Fast alles. Die fünf Tage habe ich
als Recherchezeit genutzt, um viel auszuprobieren. Zum
Beispiel welche Seife für die Haare funktioniert. Die eine
verklebt die Haare, eine andere macht sie struppig, aber
eine dritte ist okay. Oder wie ich selbst upcyceln kann,
also Verpackung umfunktionieren und wiederverwenden.
Konservengläser mit Schraubverschluss sind beispielsweise
hervorragende To-go-Becher.


BUNDzeit: Können Sie das eingesparte
Müllvolumen beziffern?

Maria Giesecke: Meine Schwester hat das für jeden Tag
unseres Experiments getrackt. Mein Müllausstoß ist wesentlich
kleiner geworden, allein schon wegen des Lieferservices,
den ich früher aus Faulheit bestellt hatte. Aber was
die an Müll ins Haus bringen, das geht gar nicht.

BUNDzeit: Gehen Sie bitte gedanklich durch
Ihre Wohnung und sagen uns, wo die Potenziale
zum Müll reduzieren liegen!

Maria Giesecke: In der Küche habe ich inzwischen jede
Menge wiederverwendbare Gläser stehen. Besonders gut
als Behälter für trockene Nahrungsmittel eignen sich die
länglichen hohen Gläser von passierten Tomaten, weil man
damit schön dosieren kann. Mit diesen Gläsern kann man
in den Unverpackt-Laden gehen, um sich neu einzudecken
(mehr zum Einkaufen ohne Verpackung im Ökotipp auf
Seite 7). Wenn ich abends koche, bereite ich meistens noch
etwas mehr vor als Mittagessen für den nächsten Bürotag
und fülle damit meine Tiffinbox. Der zeitliche Aufwand,
während der Mittagspause rauszugehen und einen Imbiss
zu suchen, ist deutlich höher. Einkaufstaschen sollten etwas
größer und stabiler sein, weil unverpackte Lebensmittel oft
in einem Glas und damit relativ schwer sind. Für das Wasser
unterwegs habe ich jetzt immer eine Bügelflasche mit,
in der ursprünglich Limonade war. Bad: Meine Zahnbürste
ist aus recyceltem Material gemacht – die beste Zahnbürste,
die ich jemals hatte! Zahnputzstein am Stiel kann ich aber
nicht empfehlen, es sei denn, man findet eklige Sachen
richtig toll. Statt Bodylotion nutze ich selbstgemixte Öle:
Argan-, Jojoba-, Patschuli- und Limettenöl. Klopapier
natürlich nur aus recyceltem Papier. Zu den herkömmlichen
Deos habe ich leider keine gute Alternative gefunden, die
mit meiner Transpiration mithalten kann. Kleiderschrank:
Klamotten gebraucht kaufen, auf keinen Fall online.

BUNDzeit: Für einen anderen „Zwillingshype“
haben Sie beide fünf Tage komplett auf jegliche
Art Zucker verzichtet. Welches Experiment war
härter?

Maria Giesecke: Bei unserem Zuckerverzicht bekamen
wir schnell schlechte Laune, weil ja wirklich überall Zucker
drin ist, sogar in der Sojamilch. Da müsste man konsequenterweise
wirklich Selbstversorger werden. Das ist beim Müll
viel leichter. Ich habe in dieser Zeit 70 Stunden pro Woche
gearbeitet, weil ich quasi zwei Jobs hatte, und nebenbei
den Artikel geschrieben – selbst mit so wenig Zeit konnte
ich mich um zero waste kümmern. Ich kann also mit ganz
einfachen Mitteln meine Müllproduktion reduzieren. Beim
Kaufen sind es zwei Fragen: Ist das Produkt, also der Inhalt,
nicht die Verpackung, biologisch abbaubar? Und brauche
ich es überhaupt?

BUNDzeit: Spart müllarmes Leben auch Geld?

Maria Giesecke: Anfangs nicht, weil man zunächst in
Großpackungen und ordentliche Gefäße investiert. Aber
dann! Zum Beispiel muss ich nie mehr unterwegs Frühstück
kaufen, weil ich immer Porridge im Haus habe. Abgesehen
davon: Das Gefühl, nicht in einer Plastikwelt zu leben, ist
schon ein sehr angenehmes.



Das Gespräch führte
Sebastian Petrich