BUNDzeit 04/16

UNNÖTIG, UMWELTSCHÄDLICH, UNCOOL

Einwegverpackungen verschlingen Energie und Rohstoffe bei der Herstellung und landen nach kurzer Zeit im Müll. Dabei gibt es längst gute Alternativen.

Ökomusterknabe Deutschland? Zumindest beim Verpackungsmüll kann keine Rede davon sein. Den Kampf gegen das Plastiktütenunwesen begann Bangladesch. Das südasiatische Land verbot schon 2002 die kostenlose Abgabe von Einwegtragetaschen auf Erdölbasis. Südafrika folgte 2003, Ruanda 2005, China 2008. Eine EU-Richtlinie von 2015 erhöht nun den Druck auf die europäischen Staaten, die Gratisausgabe zu unterbinden. In Deutschland hat der Handelsverband seine Mitgliedsunternehmen nun dazu verpflichtet, für mindestens 80 Prozent der von ihnen in Umlauf gebrachten Tüten Entgelt zu kassieren. Ziel der seit Juli geltenden Selbstverpflichtung, die eine gesetzliche Regelung vermeiden soll: bis 2025 den Plastiktütenverbrauch von heute 71 auf unter 40 pro Kopf und Jahr zu senken. Nach Auskunft des Handelsverbands Berlin-Brandenburg reagiert die Kundschaft sehr positiv. Auch wenn noch keine Zahlen vorlägen, werde deutlich, dass der Tütenumsatz zurückgehe. Offenbar griffen die Menschen beim Einkaufen verstärkt auf mitgebrachte Taschen zurück. Es geht also.

Allerdings bezieht sich die Selbstverpflichtung nur auf Plastiktüten, wo doch Tragetaschen aus Papier oder Bioplastik kein bisschen besser als die aus Kunststoff sind. Aber eines zeigt sie dennoch: Mit einem kleinen monetären Schubs kann man Veränderungen anstoßen. Warum die Einwegtüten nicht gänzlich durch Mehrwegtransportbehälter ersetzen, bei deren Rückgabe es ein Pfand gibt? Bei Getränkekisten und Einkaufswagen funktioniert das seit Jahrzehnten. Handlungsbedarf besteht nicht nur bei den symbolträchtigen Plastiktüten, sondern beim gesamten Verpackungsmüll, der in den letzten Jahren immer mehr geworden ist: 2009 betrug das Aufkommen in der Bundesrepublik 15,05 Millionen Tonnen, 2014 schon 17,78 Millionen Tonnen. Egal ob Kekspackung vom Supermarkt, Elektrogerät vom Versandhändler oder Nudelgericht vom China-Imbiss nebenan: Der Umfang der Verpackung steht schon längst in keinem vernünftigen Verhältnis zum Inhalt mehr.

17 Milliarden Plastikflaschen


Besonders augenfällig ist der verschwenderische Umgang mit Ressourcen und Energie bei den Getränkeverpackungen. Jährlich werden in Deutschland 17 Milliarden Einwegplastikflaschen verkauft, das bedeutet 500.000 Tonnen Müll, 1,25 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß, 665.000 Tonnen Rohöl und einen Energieverbrauch von 11 Milliarden Kilowattstunden! Dank Einwegpfand kommt der größte Teil dieser Flaschen zurück in die Läden, statt in den Restmüll oder in die Landschaft zu fliegen. Viele VerbraucherInnen glauben aufgrund des Pfands aber, die Plastikflaschen würden erneut genutzt. Ein großer Irrtum. Tatsächlich wird ein Teil der Flaschen zu Granulat gemahlen und erlebt eine Wiederauferstehung in Fleecejacken, Windeln oder Lärmschutzwänden: Downcycling statt Recycling. Und eine nicht unbeträchtliche Menge der Einwegflaschen landet in den Müllverbrennungsanlagen.

Um diesen Irrsinn zu stoppen, braucht es neben eindeutigen Hinweisen auf den Flaschen eine verpflichtende Mehrwegquote. Doch genau die will das Bundesumweltministerium mit dem neuen Verpackungsgesetz ersatzlos streichen – ein Erfolg unter anderem für den Coca-Cola-Konzern, dem das deutsche Mehrwegsystem seit Langem ein Dorn im Auge ist. Der BUND hält dagegen und fordert eine verpflichtende Mehrwegquote für Getränke von mindestens 55 Prozent, die in den Folgejahren auf 80 Prozent steigt. Wird diese Quote verfehlt, müssen andere Maßnahmen greifen, etwa eine Abgabe, die zusätzlich zum Einwegpfand für ökologisch besonders unvorteilhafte Verpackungen fällig wird. Kandidaten für eine solche „Strafsteuer“ sind neben den Plastikflaschen die Getränkekartons, deren Plastikanteil in den letzten Jahren beständig gewachsen ist.

Die fehlende Mehrwegquote ist nicht der einzige Punkt, in dem das geplante Verpackungsgesetz unter seinen Möglichkeiten bleibt. Ursprünglich sollte es die Differenzierung zwischen Verpackungen und sogenannten stoffgleichen Nichtverpackungen abschaffen. Doch statt eine Wertstofftonne für alle Kunststoffe, Metalle und Verbundstoffe zur Pflicht zu machen, gibt der Gesetzentwurf den Kommunen lediglich die Option, eine solche Tonne einzuführen. In Berlin ist das schon geschehen. Allerdings könnte dieses Modell etwas mehr Werbung vertragen. Wer konsequent die Möglichkeit der Wertstofftonne nutzt, kann das Volumen des zu verbrennenden Restmülls erheblich verringern. Damit ließe sich möglicherweise eine neue Müllverbrennungsanlage in Berlin oder seinem Umland vermeiden, beabsichtigt die BSR doch zusätzlich zu Ruhleben eine weitere Anlage zur „energetischen Verwertung“ zu betreiben.

Sebastian Petrich