Interview BUNDzeit 02/14

„Jeder Mensch ist ein Gärtner“

Im Interview:
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer über Maulwürfe, Wunderkerzen und die Vertreibung aus
dem Paradies

BUNDzeit: Herr Kaminer, Sie sind als gebürtiger
Moskauer und langjähriger Berliner ein
Großstadtmensch. Woher kam der Wunsch
nach einem Garten?


Wladimir Kaminer: Der kam von meiner Frau. Sie erinnerte
sich an den Garten ihrer Großmutter im Kaukasus, wo die
ganze Familie im Schatten eines großen Aprikosenbaums
zusammensaß. Und sie sucht immer nach neuen Sorgenobjekten,
um die sie sich dann kümmern kann. Sie wollte
einen Hund oder einen Garten. Und ich dachte, mit dem
Garten hat man weniger zu tun als mit dem Hund, was
wahrscheinlich gar nicht stimmt. Auf diese Weise sind wir
in eine Berliner Schrebergartenkolonie hineingeraten und
haben sehr viele tolle Menschen kennengelernt. Den Garten
mussten wir aber nach zwei Jahren wegen Problemen mit
Spontanvegetation abgeben. Es waren natürlich keine
Probleme unsererseits, das ganze Vokabular mit Spontanvegetation
stammt von der Prüfungskommission des
Schrebergartenvereins. Sie haben ganz klare Vorstellungen,
wie jeder Garten auszusehen hat. Wie viele Blumen, wie
viele Nutz- und Schönpflanzen, wo sie zu stehen haben.
Wir wollten bei uns aber die Natur mitgestalten lassen.


Sind Schrebergärten exterritoriales Gebiet?

Schrebergartenkolonien sind in der Tat eine ziemlich abgeschlossene
Welt. Mit ihren eigenen Gesetzen und Lebensansichten,
ihren eigenen Helden und Verbrechern. Für mich
war das eine neue Erfahrung. Ich habe nach 20 Jahren in
Deutschland dieses Land neu kennengelernt. Ein anderes
Deutschland, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist und
wo auch keine Züge hinfahren, obwohl man eigentlich
gerade beim Zugfahren oft Schrebergärten sieht. Die sind ja
oft an den Bahngleisen, vielleicht weil die Deutsche Bahn
gern die verseuchte Erde dort verpachtet.

Jetzt haben Sie einen großen Garten irgendwo
im nördlichen Brandenburg. Wie sieht
es dort aus?

Wir haben versucht, ein paar exotische Pflanzen anzusiedeln.
Zum Beispiel japanische Wunderkerzen, die ich für
13,90 Euro das Stück gekauft habe. Die blühen fünf Jahre
lang jedes Jahr in einer anderen Farbe. Meine Schwiegermutter
aus dem Kaukasus hat diese Pflanzen sofort erkannt.
In Russland heißen sie „Morgendämmerung“, wachsen an
jeder Ecke und kosten nichts. Ich glaube, die Deutschen
mögen es gern exotisch. Dabei haben heimische Pflanzen
ihre Vorzüge. In Brandenburg wächst zum Beispiel die
Brennnessel besonders gut. Aber wer will schon in einer
Brennnesselplantage leben? Wir lassen uns nicht auf jede
spontane Vegetation ein, sondern ersetzen die Brennnessel
durch etwas, was ähnliche Überlebenschancen hat, aber
schön aussieht. Zum Beispiel Meerrettich. Meerrettich wird
auch groß und mag sandigen Boden. Wächst gut, sieht gut
aus, kann man essen, wunderbar.

Was ist der Unterschied zwischen dem deutschen
Schrebergarten und der russischen
Datscha?

Allein schon die Anzahl der Gartengesetze. Hier hat man
eine ganz klare Vorstellung, was am Ende rauskommen
soll und die Gärten sind sich tatsächlich sehr ähnlich. In
Russland ist das anders. Natürlich geben sich die Russen
auch große Mühe und pflanzen ihre Kartoffeln und Gurken,
die genauso wichtig oder noch wichtiger als irgendwelche
Blumen sind. Die Selbstversorgung spielt dort eine große
Rolle – nicht etwa, weil man nicht alles kaufen kann,
sondern weil die Menschen ein sehr großes Misstrauen gegenüber
dem Zeug haben, was ihnen im Laden angeboten
wird. Misstrauen ist das grundlegende Gefühl in Russland.
Alle fühlen sich doppelt und dreifach verarscht durch den
Sozialismus und durch den Kapitalismus ebenso. Alles, was
in den Geschäften liegt, ist ihrer Meinung nach Fälschung,
extra schlecht gemacht oder überteuert. Der Garten ist der
Rückzugsort aus der ganzen kapitalistischen Schweinerei –
genauso wie es früher eine Alternative zu diesem totalitären
Sozialismus darstellte. Eine schwache Alternative,
aber immerhin eine. In deutschen Gärten spielt der Wille
zur Umgestaltung eine große Rolle. Die Leute sagen: Okay,
Gott hat es gut gemeint, aber wir wissen es besser.

Ist das Gärtnern eine Ursehnsucht der Menschen?

Auf jeden Fall. Ich habe in meinem letzten Buch „Diesseits
von Eden“ die These aufgestellt, dass jeder Mensch einen
Migrationshintergrund hat, weil er sich aus irgendeinem
Garten vertrieben fühlt. So wie wir aus dem Schrebergarten.
Die Vorstellung einer paradiesischen Landschaft hat
jeder. Man versucht, sein eigenes Paradies im Maßstab
1:1.000.000 nachzubauen. Jeder Mensch ist im Grunde ein
Gärtner.

Sie beschreiben in „Diesseits von Eden“ sehr
entspannt, wie der Maulwurf schachbrettartige
Muster in Ihrem Garten anlegt. Darf
in Ihrem Garten jeder machen, was er will?

Na ja, wer ist dieser jeder? Wir haben diesen Maulwurf,
der unglaublich fleißig ist. Oder es sind mehrere faule.
Aber außer ihm und ein paar Insekten und den Fischen
im Teich ist niemand. Ach so, die Vögel noch. Wir haben
Wildgänse und Kraniche, die aber nicht wirklich weit weg
fliegen. Die trainieren das ganze Jahr über für eine große
Reise. Irgendwie scheint da die Zeit im Kreis zu laufen: Die
Vögel kreisen herum und fliegen doch nicht nach Afrika,
die Maulwürfe kommen immer an der falschen Stelle heraus
und müssen deshalb weitergraben, sogar die Mücken
bewegen sich im Kreis. In diesem Kreislauf der Natur fühlen
wir uns sehr heimisch. Man hebt in der Stadt so schnell ab
– entweder hält man sich für etwas Größeres oder für etwas
Kleineres. Draußen im Garten findet man genau den richtigen
Platz, zwischen Brennnesseln und Maulwurfhügeln.



Das Gespräch führte
Sebastian Petrich